Dieser Moment – individuell wie kollektiv – ist von großer Bedeutung. Für jeden einzelnen Menschen und für uns als Menschheit. Viele erleben derzeit Angst, Wut, Überforderung, Empörung und tiefe Verunsicherung. Unzählige stehen vor Herausforderungen in nahezu allen Lebensbereichen. Zugleich nähern wir uns einem Vollmond im Löwenzeichen – und Löwe steht für das Herz: für Lebenskraft, Mut, Leidenschaft, Großzügigkeit und schöpferischen Ausdruck. Danach folgt die Finsternisphase. All das verstärkt innere Prozesse. Gefühle können sich intensivieren, Wandlungen sich beschleunigen.
Oft hören wir Sätze wie: „Geh nicht in die Angst.“ – „Bleib neutral.“ – „Wähle die Liebe.“ Doch wie sieht das konkret aus, wenn Wut in uns brennt, Angst uns eng werden lässt oder die Sehnsucht nach Liebe so stark ist, dass ihr vermeintliches Fehlen wie Trauer schmerzt?
Seien wir ehrlich: Angst einfach wegzudrücken und sich nur im Kopf immer wieder zu sagen „Ich wähle Liebe, Frieden, Ruhe“, weil wir glauben, es zu müssen, reicht nicht aus. Das beruhigt das Nervensystem nicht – es übergeht es. Und erzeugt zusätzlichen inneren Druck.
Zu wissen, dass wir Wahlmöglichkeiten haben, ist wichtig – aber es ist nur der erste Schritt. Wir müssen unsere Wahlkraft erkennen und zugleich Angst, Schmerz und Wut würdigen. Wir können Gefühle nicht einfach fortschieben. Wir dürfen sie halten, anerkennen und anschauen, ohne wegzusehen.
Alle unsere Emotionen gehören zu einer großen inneren Tonleiter unseres Menschseins. Sie sind Erfahrungsräume, durch die wir lernen, uns zu bewegen. Sie haben einen Sinn: Sie lehren uns. Sie zeigen uns Möglichkeiten. Sie weisen uns Richtungen. Sie führen uns näher an unsere Wahrheit. Emotionen sind Energie in Bewegung – sie tragen lebendige Information in sich.
Viele von uns haben nie gelernt, diese innere Information mit Mitgefühl für sich selbst zu lesen und zu begleiten. So werden wir vom Gefühl überrollt und reagieren automatisch. In solchen Momenten verlieren wir unser Empfinden von Wahlfreiheit.
Wie also können wir wirklich wählen, ohne unsere Gefühle zu verleugnen? Wie können wir Emotionen fühlen und zugleich über sie hinauswachsen?
Ein erster, einfacher Schritt ist ein sprachlicher Perspektivwechsel:
Statt zu sagen „Ich bin wütend“ oder „Ich bin ängstlich“, sagen wir:
„Ich erlebe gerade Wut.“ – „Ich erlebe gerade Angst.“
Der Unterschied ist tiefgreifend. Wenn wir sagen „Ich bin …“, verschmelzen wir mit dem Gefühl. Es bestimmt uns, gewinnt Kraft und Dynamik. Wenn wir sagen „Ich erlebe …“, bleibt ein innerer Raum der Bewusstheit. Ein Teil von uns beobachtet. Wir erinnern uns: Es gibt ein größeres Selbst in uns, das die Erfahrung wahrnimmt. Das Gefühl bewegt sich durch uns – aber es ist nicht unser Wesen.
Dann kann eine heilsame Frage entstehen:
Wer ist es, der diese Angst, diese Wut, diese Trennungserfahrung wahrnimmt?
Diese Frage führt tiefer in die Gegenwärtigkeit, tiefer in das Bewusstsein unseres eigentlichen Seins – dorthin, wo unsere wahre Kraft liegt.
Wenn wir erkennen, dass Emotionen durch uns hindurchfließen, können wir sie bewusst fühlen, bezeugen und würdigen. Wir können sie fragen:
„Was möchtest du mir zeigen? Welche Information bringst du mir?“
Sobald Einsicht entsteht, öffnet sich ein Raum von Wahl und Möglichkeit.
Unser Sein ist weiter als jede Emotion. Wir können sie halten, durch uns ziehen lassen, ehren – sogar dankbar für ihre Botschaft sein. Je mehr wir sagen können „Ich erlebe Angst“ statt „Ich bin Angst“, desto schneller darf sie sich bewegen und wandeln.
Wir sind nicht hier, um nur Freude zu erleben. Wir sind hier, um die ganze Skala unseres Seins kennenzulernen – Licht und Schatten, Weite und Enge. Wenn wir Teil eines gemeinsamen Feldes sind, dann berühren uns auch die Gefühle der Welt. Empathie und Mitgefühl sind keine Schwäche. Mit-Gefühl bedeutet: fühlen können, ohne sich zu verlieren. Wahrnehmen, ohne zu übernehmen. Antworten können aus Präsenz.
Nachdem wir ein Gefühl wirklich gewürdigt haben, können wir innerlich sprechen:
„Ich entlasse alle Spannungen, Energien und Emotionen, die nicht zu mir gehören.“
Und uns vorstellen, wie sie sich wie feiner Dampf vom Körper lösen. Anfangs mag das ungewohnt wirken – doch mit Übung wird es kraftvoll.
Unsere Emotionen geben uns Auskunft: über unsere Prägungen, unsere Werte, unsere Sehnsüchte, unsere inneren Konflikte und unsere Ausrichtung. Sie laden uns ein zur Überprüfung und zur Veränderung unseres Lebens. Sie zeigen uns Wahlmöglichkeiten.
Wahl – darin liegt unsere Kraft.
Die Wahl zu verändern. Neu auszurichten. Anders zu reagieren. Selbst in Angst, Traurigkeit oder Wut. Jede noch so kleine Neuwahl verändert unser Sein – und damit unser Wirken in der Welt. Erst dadurch beginnt sich auch das Außen zu wandeln.
Werde nicht zu der Angst oder Wut, die gerade durch dich oder durch die Welt zieht. Begegne ihr, sprich mit ihr, lerne von ihr – und lass sie weiterziehen. Nutze ihre Energie, um klarer zu wählen, bewusster zu antworten, wahrhaftiger zu sein.
So wirst du zur Zeugin, zum Zeugen deiner selbst. Und Information verwandelt sich in Weisheit.
Wir sind kraftvoll. Wir sind schöpferisch. Wir sind geliebt.
Spüre die Liebe.
Doch übergehe nicht die Botschaft deiner Gefühle. Das Selbst, das diese Informationen empfangen kann, wächst über Vergangenheit, Umstände und alte Überzeugungen hinaus. Das ist Präsenz – auch in schwierigen Zeiten.
Wir sind stark und schön zugleich. Wir können viel halten und dennoch geerdet bleiben. Wie ein Baum, der sich im Wind beugt, aber nicht bricht.
Wir leben in herausfordernden Zeiten – und wir sind hier, weil wir bereit sind. Das Universum antwortet auf unsere Bereitschaft zur Wandlung, auf unsere Kraft, anders zu wählen, anders zu sehen, mehr Licht zu tragen. Wir lernen, höhere Frequenzen zu halten – Licht, das selbst dunkle Winkel erhellen kann.
Segen für uns alle auf diesem Weg.
Mein Herz ist erfüllt von eurer Gegenwart. 💛
Grafik: Ich würdige den Vollmond — die Tiefe meines Seins.
