𝐋𝐈𝐄𝐁𝐄![]()
Vielleicht ist „Liebe“ eines der größten Worte, die wir Menschen kennen, und gleichzeitig ist selbst dieses Wort unendlich viel zu klein für das, was Liebe in ihrem Ursprung wirklich ist. Wir sprechen von Liebe, wir fühlen Liebe, wir schenken Liebe, wir erfahren sie zwischen Menschen, zu unseren Kindern, zu Tieren, zur Erde, zum Leben. Wir kennen Augenblicke, in denen unser Herz so weit wird, dass wir glauben, jetzt müssten wir verstanden haben, was Liebe ist. Doch selbst die tiefste Liebe, die ein Mensch fühlen kann, ist nur eine leise Berührung von etwas, das sich niemals vollständig in ein menschliches Gefühl hineinlegen lässt.
Denn die Liebe, von der ich spreche, ist nicht einfach ein Gefühl. Sie ist nicht warm oder kalt, nicht groß oder klein, nicht nah oder fern. Sie beginnt nirgendwo und endet nirgendwo. Sie braucht kein Gegenüber, keinen Grund und keine Erwiderung. Sie muss niemanden erreichen, denn es gibt keinen Ort, an dem sie nicht bereits ist. Quelle, Gott, Ursprung, das Unaussprechliche, auch das sind letztlich nur Worte, mit denen wir versuchen, auf etwas zu zeigen, das keinen Namen besitzt. Und vielleicht ist selbst „Liebe“ nur das schönste Wort, das wir für etwas gefunden haben, das weit jenseits dessen liegt, was dieses Wort jemals tragen könnte.
Wenn ich mich diesem Ursprung nähere, nehme ich ihn nicht einmal mehr als Licht wahr. Denn auch Licht ist bereits etwas, das erscheint, etwas, das wahrgenommen werden kann. Doch dahinter liegt dieses reine, unbenennbare IST. Ohne Farbe. Ohne Form. Ohne Gegensatz. Nicht hell und nicht dunkel. Nicht leer und nicht gefüllt. Es IST einfach. Und vielleicht ist genau dieses namenlose IST das, was wir in unserer menschlichen Sprache reinste Liebe nennen. Nicht weil dort jemand liebt, sondern weil dort nichts anderes notwendig ist, um vollkommen zu sein.
Vielleicht bringt das Unaussprechliche die Liebe deshalb gar nicht hervor. Vielleicht IST das Unaussprechliche jene Wirklichkeit, die wir Liebe nennen, noch bevor Liebe zu einem Gefühl, einer Bewegung oder einem Ausdruck wird. Und aus diesem lautlosen IST kann Licht hervorgehen, Bewusstsein kann hervorgehen, Schöpfung kann hervorgehen, unzählige Formen können entstehen, während das, woraus sie hervorgehen, selbst vollkommen unberührt bleibt. Wie ein unendlicher Ursprung, der nichts werden muss, weil er bereits IST.
Und wenn ein Mensch auch nur einen Hauch dieser Liebe berührt, geschieht etwas, das sich kaum noch in Worte bringen lässt. Nicht weil uns die richtigen Worte fehlen, sondern weil Worte dort ihre Bedeutung verlieren. Diese Liebe lässt sich nicht vollständig in einen menschlichen Körper hineinlegen, ihre Unermesslichkeit ist größer als jedes Gefäß, in das wir sie legen könnten. Vielleicht könnten wir sie in ihrer ganzen Grenzenlosigkeit überhaupt nicht als gewöhnliches menschliches Gefühl tragen. Doch wir können uns ihr öffnen. Wir können aufhören, uns ausschließlich als Körper, Geschichte, Persönlichkeit und Grenze wahrzunehmen, und beginnen, in das größere Sein hineinzusinken, das wir niemals verlassen haben.
Und dann wird es still. Nicht unbedingt um uns herum, sondern tief in uns. Die Suche wird still, das Fragen wird still, das Bedürfnis, etwas verstehen zu müssen, wird still. Selbst die Vorstellung davon, wer wir sind, kann für einen Augenblick durchsichtig werden. Und plötzlich brauchen wir keine Antwort mehr. Nicht weil wir alle Antworten gefunden hätten, sondern weil wir etwas berühren, in dem Frage und Antwort noch nicht voneinander getrennt sind. Dann ist da nur noch dieses IST, und in diesem IST liegt eine Liebe, die mit keiner Form von Liebe vergleichbar ist, die wir aus unserem menschlichen Leben kennen. Sie ist so rein, dass nichts an ihr festhalten kann, so klar, dass nichts erklärt werden muss, so fein, dass sie beinahe nicht wie etwas wirkt, das geschieht, und gleichzeitig so unermesslich kraftvoll, dass alles andere darin seine Bedeutung verliert.
Vielleicht erkennen wir dort auch, warum wir diese Liebe niemals wirklich finden konnten. Weil wir nach etwas gesucht haben, das niemals fort war. Wir wollten zu ihr gelangen, während wir die ganze Zeit in ihr existierten. Wir wollten sie fühlen, während selbst derjenige, der fühlen wollte, bereits aus ihr hervorgegangen ist. Wir wollten Quelle erreichen, ohne zu erkennen, dass es außerhalb der Quelle niemals einen Ort gegeben hat, von dem aus wir hätten zu ihr zurückkehren müssen. Vielleicht ist das größte Geheimnis der Liebe deshalb nicht, wie wir zu ihr gelangen, sondern dass es niemals eine wirkliche Entfernung zwischen ihr und uns gegeben hat.
Und irgendwann fällt sogar das Wort Liebe. Es fällt genauso wie Gott, Quelle, Licht, Ursprung und all die anderen Namen, die wir dem Namenlosen gegeben haben. Nicht weil diese Worte falsch gewesen wären, sondern weil wir dort etwas berühren, das niemals vollständig in ihnen Platz finden konnte. Etwas so unermesslich Reines, dass jeder Versuch, es zu benennen, nur noch wie eine leise Spur dessen erscheint, was wirklich IST. Und vielleicht hören wir genau dort auf, nach einem Namen dafür zu suchen. Wir hören auf, es festhalten, erklären oder verstehen zu wollen, und alles, was wir jemals über Liebe zu wissen glaubten, darf ganz sanft in etwas Größeres zurücksinken.
Bis wir irgendwann nicht einmal mehr sagen können: Ich berühre diese Liebe. Denn selbst darin wären noch zwei, ich und die Liebe. Doch in dieser tiefsten Stille gibt es nichts mehr, das sich voneinander trennen ließe. Keine Hand, die nach ihr greift, kein Herz, das versucht, sie festzuhalten, kein Wesen, das noch irgendwohin gelangen müsste. Du fühlst die Liebe nicht mehr als etwas, das zu dir kommt, du suchst sie nicht mehr außerhalb von dir, du versuchst nicht mehr, dich mit ihr zu verbinden. Du erkennst nur noch, ganz lautlos, dass du niemals außerhalb von ihr gewesen bist.
Und plötzlich erscheint selbst dein ganzes Leben in ihr. Jeder Atemzug geschah in ihr, jede Träne, jede Berührung, jede Freude, jede Suche und selbst jeder Augenblick, in dem du dachtest, du hättest die Liebe verloren. Alles war von etwas getragen, das niemals fort gewesen ist. Und irgendwann wird sogar diese Erkenntnis still, weil auch sie nicht mehr ausgesprochen werden muss. Dann braucht es keinen Satz mehr, keinen Namen, keine Erklärung darüber, was Gott ist, was Quelle ist oder was Liebe ist. Es bleibt nur dieses unendliche, namenlose, vollkommen klare IST, das nichts fordert, nichts werden muss und nichts außerhalb seiner selbst braucht.
Und vielleicht ist genau dort die Liebe am reinsten, wo selbst das Wort Liebe nicht mehr gebraucht wird. Wo nichts mehr da ist, das sie erklären möchte, und nichts mehr fehlt, das durch sie erfüllt werden müsste. Wo wir nicht mehr versuchen, das Unaussprechliche auszusprechen, sondern einfach in ihm still werden. Und vielleicht bleibt dann nur noch etwas, das kein menschliches Wort jemals ganz tragen kann, etwas, das niemals begonnen hat und deshalb niemals enden kann, etwas, das keinen Namen braucht, weil es allem vorausgeht.
Es IST.
Deine Sandra Lumina
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