Valruna Loacker ist Völva – so bezeichnet sie sich selbst – und Hüterin der alamannischen Überlieferung. Sie ist Urgroßmutter, trägt stets Tracht und vermittelt in Mäder in Vorarlberg das Wissen und die Traditionen, die von unseren Vorfahren überliefert wurden.
Ein Gespräch am Feuer vor einem nachgebauten alamannischen Haus: über die Schöpfung aus dem Nichts, Niflheim, Muspelheim und Ginnungagap; über die wahren Eltern des Menschen; über Scheiterhaufen, Tracht und das Bild der Barbaren; über Armut inmitten des Wohlstands; über das Lied, das wir im Kreis der Völker wieder mitsingen sollen; über die Frage, ob es auch in Europa Indigene gibt; und über die Berge, die für Valruna heilig sind.
GRATWANDERUNG ist das Gesprächsformat zum Filmprojekt „Wenn der Berg sich erhebt“. Lange, ungeskriptete Gespräche über Ursprung, Herkunft und die Wurzeln der Identität im deutschsprachigen Raum.
Kein Links, kein Rechts – ein Geradeaus. Wie auf dem Grat.
KAPITEL
00:00 – Die stärksten Sätze
02:22 – Gratwanderung
02:40 – Begrüßung: Wer ist Valruna Loacker?
03:38 – Die Vorfahren haben das Leben erforscht
05:21 – Am Anfang: Niflheim, Muspelheim und Ginnungagap
08:45 – „Wir waren eine Hochkultur“
10:44 – Die wahren Eltern und der Initiationsweg
11:55 – Warum das Wissen verloren ging: Versklavung und Religion
16:36 – Scheiterhaufen, Tracht und das Bild der Barbaren
19:56 – „Jeder Mensch, der wieder weiß, wer er ist, sagt Nein“
23:48 – Wie Valruna dazu kam: Schule und Armut im Wohlstand
28:07 – Das Feuer und das Lied im Kreis der Stämme
31:04 – Tracht und Brauchtum heute: Die Götter wollen kein Kriechen
35:32 – Die Kehle und die Ahnen in den Zellen
37:14 – Die Angst
39:36 – Keine heiligen Haine mehr: Die Vision einer Stätte
45:23 – Benjamins Begegnung mit Medizinmännern aus Südamerika
47:26 – Wo die Stätte liegen soll
49:40 – Heimat, die Tochter und die Völuspá
52:05 – Teil der Natur: Das Gras weiß mehr über das Gras
53:46 – Die Berge: Heiligkeit, Berggeister und Megin
58:17 – Die Stille und das Kreuz auf dem Berg
1:00:09 – „Wenn ihr nicht weitermacht …“
1:03:02 – Abspann
https://www.youtube.com/channel/UC1b0EYAeza_P0TPMmqX8p6g
GRATWANDERUNG – Ein Gespräch mit Valruna Loacker
Über Herkunft, alte Überlieferungen, Naturverbundenheit und die Suche nach menschlicher Identität
Einleitung
In dieser Folge von „GRATWANDERUNG“, dem Gesprächsformat zum Filmprojekt „Wenn der Berg sich erhebt“, spricht Filmemacher Benjamin mit Valruna Loacker über die Frage, was Menschen mit ihrer Herkunft, ihren Vorfahren und ihrer natürlichen Umgebung verbindet.
Valruna beschäftigt sich seit vielen Jahren mit alten Überlieferungen, Mythologie, Brauchtum und der spirituellen Bedeutung der Natur. Sie sieht ihre Aufgabe darin, überliefertes Wissen wieder zugänglich zu machen und Menschen dazu anzuregen, sich mit ihren eigenen Wurzeln auseinanderzusetzen.
Das Gespräch findet am Feuer statt. Es führt von germanischen Schöpfungserzählungen über historische Erfahrungen von Unterdrückung und kulturellem Wandel bis zu Fragen nach Bildung, Freiheit, Gemeinschaft und dem Umgang mit der Natur.
Im Mittelpunkt steht eine grundlegende Frage: Was verändert sich im Leben eines Menschen, wenn er beginnt, seine Herkunft und sich selbst bewusster zu verstehen?
1. Die Suche nach den eigenen Wurzeln
Zu Beginn erklärt Benjamin, weshalb er sich mit der Frage nach Herkunft und Identität beschäftigt. Als Filmemacher möchte er Menschen und ihre Erfahrungen sichtbar machen. Dabei geht es ihm nicht allein um Geschichte, sondern auch um das persönliche Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit.
Valruna beschreibt die Menschen früherer Generationen als aufmerksame Beobachter ihrer Umwelt. Ihrer Vorstellung nach entstand ihr Wissen durch unmittelbare Erfahrungen mit Pflanzen, Tieren, Jahreszeiten und natürlichen Zusammenhängen. Dieses Wissen sei über Generationen weitergegeben und ergänzt worden.
Sie ist überzeugt, dass der moderne Mensch zwar über zahlreiche Informationen verfügt, sich selbst und seine Beziehung zur Natur jedoch häufig nur unzureichend versteht.
Für sie beginnt die Suche nach Identität deshalb mit der Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu hinterfragen und sich wieder intensiver mit dem Leben auseinanderzusetzen.
2. Die Schöpfung und die Frage nach dem Ursprung
Ab 05:21
Valruna erläutert die germanische Schöpfungsüberlieferung anhand der Begriffe Niflheim, Muspelheim und Ginnungagap.
Niflheim beschreibt sie als eine Welt des Nebels und der Dunkelheit, Muspelheim als eine Welt des Feuers und der schöpferischen Kraft. Ginnungagap steht für den ursprünglichen Raum, in dem sich diese Kräfte begegnen und aus dem neues Leben entstehen kann.
Sie zieht dabei einen Vergleich zur Entstehung eines Menschen im Mutterleib. So wie aus der Verbindung zweier Menschen neues Leben hervorgeht, versteht sie auch die Schöpfung als das Zusammenwirken unterschiedlicher Kräfte.
Diese Erzählung ist für Valruna keine naturwissenschaftliche Erklärung, sondern eine Möglichkeit, über den Ursprung des Lebens und die Stellung des Menschen im Universum nachzudenken.
Daran knüpft ihre Vorstellung von den „wahren Eltern“ an. Neben den leiblichen Eltern sieht sie die schöpferischen Kräfte der Natur als Ursprung menschlichen Lebens.
3. Überliefertes Wissen und kulturelle Veränderungen
Ab 08:45
Ein wesentlicher Teil des Gesprächs beschäftigt sich mit der Frage, wie frühere Gemeinschaften lebten und welches Wissen sie besaßen.
Valruna spricht von einer Hochkultur des Wissens. Sie meint damit insbesondere die über Generationen gesammelten Erfahrungen über Heilpflanzen, Tiere, natürliche Kreisläufe und das menschliche Zusammenleben.
Sie bedauert, dass aus ihrer Sicht vieles davon verloren gegangen ist.
Als Ursachen nennt sie politische Herrschaft, Versklavung, religiösen Zwang und die Christianisierung. Dabei beschreibt sie eine lange Geschichte von Unterdrückung, in deren Verlauf ursprüngliche Bräuche, Lieder, Kleidungsformen und gemeinschaftliche Strukturen verändert oder verdrängt worden seien.
Auch die Hexenverfolgungen und die Verbrennung von Menschen auf Scheiterhaufen betrachtet sie als Teil dieser Entwicklung.
Ihre Darstellung verbindet historische Ereignisse mit ihrer persönlichen Deutung der europäischen Geschichte. Nicht alle von ihr gezogenen Zusammenhänge lassen sich historisch in dieser Form belegen. Der zentrale Gedanke ihrer Ausführungen ist jedoch deutlich: Kulturelle Überlieferungen können verloren gehen, wenn Menschen daran gehindert werden, sie weiterzugeben.
4. Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung
Ab 19:56
Valruna verbindet die Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln eng mit dem Wunsch nach Selbstbestimmung.
Sie glaubt, dass Menschen, die sich ihrer Herkunft und ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst werden, weniger leicht durch Angst oder äußere Autoritäten beeinflusst werden können.
Besonders kritisch betrachtet sie gesellschaftliche Entwicklungen, die ihrer Ansicht nach von Macht, wirtschaftlichen Interessen und dem Streben nach Kontrolle bestimmt sind.
Sie stellt dabei auch die Frage, welchen Wert technischer Fortschritt besitzt, wenn gleichzeitig natürliche Lebensräume zerstört werden und Menschen unter Krieg, Gewalt oder sozialer Ungleichheit leiden.
Ihr Anliegen ist eine Gesellschaft, in der menschliche Würde, Verantwortung und der respektvolle Umgang mit allem Lebendigen stärker im Mittelpunkt stehen.
5. Armut inmitten des Wohlstands
Ab 23:48
Als Benjamin sie fragt, wie sie zu ihrer heutigen Arbeit gekommen ist, erzählt Valruna von ihrer persönlichen Suche.
Schon früh habe sie vieles hinterfragt, was ihr durch Schule und Gesellschaft vermittelt wurde. Sie beschreibt sich als Beobachterin, die verstehen wollte, weshalb Menschen so leben, wie sie leben.
Dabei entwickelte sie eine kritische Haltung gegenüber einem Wohlstandsbegriff, der sich hauptsächlich an materiellem Besitz orientiert.
Für Valruna bedeutet ein erfülltes Leben mehr als wirtschaftliche Sicherheit oder technische Möglichkeiten. Sie spricht von Freude, Kreativität, Sinneserfahrungen, menschlicher Nähe und der Fähigkeit, das eigene Leben bewusst zu gestalten.
Besonders beschäftigt sie die Situation junger Menschen, die aus ihrer Sicht viel Zeit vor Bildschirmen verbringen und dadurch wichtige unmittelbare Erfahrungen verpassen könnten.
Mit dem Begriff „Armut im Wohlstand“ beschreibt sie einen Mangel an lebendigen Beziehungen, persönlicher Orientierung und innerer Zufriedenheit.
6. Das Feuer und das gemeinsame Lied
Ab 28:07
Das Feuer nimmt im Gespräch eine besondere Bedeutung ein.
Benjamin und Valruna sprechen darüber, weshalb Menschen sich seit jeher gerne um ein Feuer versammeln. Für Valruna ist es ein Ort der Erinnerung, der Gemeinschaft und der Verbindung mit dem Leben.
Sie bezeichnet das Feuer sinnbildlich als eine kleine Sonne auf der Erde.
Daran schließt sich ihr Bild vom gemeinsamen Lied der Völker an. Sie stellt sich vor, dass jede Gemeinschaft ihre eigene Stimme, ihre eigenen Erfahrungen und ihre besonderen Traditionen besitzt.
Wenn diese Stimmen wieder zusammenfinden, könne daraus ein größeres Ganzes entstehen.
Dieses Bild steht für ihren Wunsch nach einer Welt, in der unterschiedliche Kulturen ihre Eigenständigkeit bewahren und zugleich respektvoll miteinander verbunden bleiben.
7. Tracht, Brauchtum und Spiritualität
Ab 31:04
Valruna sieht in traditionellen Kleidungsformen und Bräuchen Spuren früherer Lebensweisen.
Sie spricht über Trachten, Symbole und Rituale, deren ursprüngliche Bedeutung heute teilweise nicht mehr bekannt sei.
Nach ihrer Auffassung werden viele Traditionen weiterhin gepflegt, ohne dass die Menschen immer wissen, welche Vorstellungen ursprünglich damit verbunden waren.
Auch ihr Verständnis von Göttern und Göttinnen erläutert sie in diesem Zusammenhang.
Sie sieht diese nicht als Autoritäten, vor denen sich Menschen unterwerfen müssten, sondern als Ausdruck schöpferischer Kräfte und Fähigkeiten, die auch im Menschen selbst vorhanden seien.
Für sie bedeutet Spiritualität deshalb vor allem, die eigenen Möglichkeiten zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und das Leben bewusst mitzugestalten.
8. Angst, Erinnerung und persönliche Entwicklung
Ab 35:32
Im weiteren Verlauf sprechen Benjamin und Valruna über innere Hemmungen und Ängste.
Benjamin fragt, ob belastende Erfahrungen früherer Generationen auch das heutige Leben beeinflussen können.
Valruna hält es für wichtig, sich mit solchen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Sie ist überzeugt, dass Menschen ihre Ängste besser verstehen können, wenn sie deren mögliche Ursachen erkennen.
Dabei unterscheidet sie zwischen einer natürlichen Angst, die vor Gefahren schützt, und einer Angst, die Menschen dauerhaft einschränkt.
Sie wünscht sich eine bewusste Aufarbeitung belastender Erfahrungen, damit Menschen freier und selbstbestimmter leben können.
Die Vorstellung, dass konkrete Erinnerungen der Vorfahren unmittelbar in den Zellen gespeichert und weitergegeben werden, wird im Gespräch angesprochen. Sie ist jedoch nicht mit gesichertem wissenschaftlichem Wissen gleichzusetzen.
9. Die Vision eines gemeinsamen Ortes
Ab 39:36
Ein besonders konkretes Anliegen Valrunas ist die Schaffung einer gemeinschaftlichen Stätte, an der Menschen sich mit alten Überlieferungen, Naturwissen und spirituellen Praktiken beschäftigen können.
Sie stellt sich einen friedlichen Ort vor, der Raum für Begegnung, Bildung, Forschung und persönliche Erfahrungen bietet.
Dort könnten beispielsweise Mythologie, Runen, Kräuterkunde, überlieferte Bräuche und die Beziehung des Menschen zur Natur erforscht und vermittelt werden.
Auch ein gepflegter heiliger Hain gehört zu ihrer Vorstellung.
Valruna wünscht sich, dass ein solcher Ort langfristig geschützt und für interessierte Menschen zugänglich wäre.
Als mögliche Region nennt sie das historische alemannische Siedlungsgebiet, insbesondere den Raum zwischen Schwarzwald, Schwaben und Jura. Ein genauer Standort steht für sie nicht im Vordergrund.
Wichtiger ist ihr, dass aus dieser Idee irgendwann ein gemeinschaftliches Projekt entsteht.
10. Heimat und Naturverbundenheit
Ab 49:40
Valruna beschreibt sich als stark heimatverbundenen Menschen.
Sie erzählt, dass sie nur wenig gereist sei, weil sie sich über viele Jahre intensiv mit Überlieferungen und Mythologie beschäftigt habe.
Die Natur ihrer unmittelbaren Umgebung spielte dabei eine wichtige Rolle.
Für sie bedeutet Heimat nicht nur einen geografischen Ort. Sie verbindet damit Vertrautheit, Zugehörigkeit und eine tiefe Beziehung zur Landschaft.
Bäume, Pflanzen, Tiere und Menschen betrachtet sie als Teile eines gemeinsamen Lebenszusammenhangs.
Sie erinnert daran, dass der menschliche Körper aus denselben grundlegenden Stoffen besteht wie die übrige Natur.
Daraus leitet sie eine Haltung der Verbundenheit und Verantwortung ab.
11. Die besondere Bedeutung der Berge
Ab 53:46
Zum Ende des Gesprächs richtet Benjamin den Blick auf die Berge, die auch für sein Filmprojekt eine zentrale Rolle spielen.
Er beschreibt, wie Menschen in den Bergen Abstand vom Alltag gewinnen können. Gesellschaftliche Unterschiede treten dort für einen Moment in den Hintergrund.
Valruna empfindet die Berge als heilig.
Sie verbindet mit ihnen Ruhe, Kraft, Klarheit und uraltes Wissen. In ihrer spirituellen Vorstellung besitzen Berge, Gewässer, Erde und Wind eine besondere lebendige Bedeutung.
Sie spricht auch von „Megin“, einer Kraft, die sie mit Stärke und Lebendigkeit verbindet.
Aus eigener Erfahrung erzählt sie, wie wertvoll einsame Wanderungen und die Stille der Berge für sie gewesen seien.
Besonders erinnert sie sich an die Zeit ihrer Kindheit, als es in ihrem Dorf noch kaum motorisierten Verkehr gab und die Geräusche der Natur deutlicher wahrnehmbar waren.
Die Berge sind für sie deshalb nicht nur schöne Landschaften. Sie sind Orte, an denen Menschen wieder zu sich selbst finden und ihre Verbindung zur Natur bewusster erleben können.
12. Ein Blick in die Zukunft
Ab 1:00:09
Am Ende des Gesprächs zeigt sich Valruna zuversichtlich.
Sie freut sich darüber, dass sich zunehmend auch jüngere Menschen für alte Überlieferungen, Naturverbundenheit und Fragen der Herkunft interessieren.
Gleichzeitig macht sie deutlich, dass ihre eigene Arbeit nur ein Anfang sein könne.
Ihr Wunsch ist, dass andere Menschen diese Themen weiter erforschen, Erfahrungen austauschen und das gesammelte Wissen kritisch und lebendig weiterentwickeln.
Benjamin bedankt sich für das Gespräch und kündigt an, dass die Suche nach den Wurzeln europäischer Identität im Rahmen seines Filmprojekts fortgesetzt werden soll.
Abschließende Betrachtung
Das Gespräch mit Valruna Loacker ist eine persönliche Auseinandersetzung mit Herkunft, kultureller Erinnerung und dem Verhältnis des Menschen zur Natur.
Ihre Aussagen sind geprägt von langjähriger Beschäftigung mit Mythologie, eigenen Lebenserfahrungen und einer spirituellen Sichtweise. Sie verbindet historische Themen mit der Frage, wie Menschen heute bewusster und verantwortungsvoller leben können.
Nicht alle historischen und spirituellen Aussagen des Gesprächs sind wissenschaftlich belegt. Dennoch eröffnet es Fragen, die unabhängig von der Zustimmung zu einzelnen Überzeugungen von Bedeutung sind:
Wie gehen wir mit dem Wissen früherer Generationen um? Welche Traditionen möchten wir bewahren? Was bedeutet Heimat? Und wie können wir eine respektvolle Beziehung zur Natur und zueinander gestalten?
Im Kern steht Valrunas Wunsch, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten wiederentdecken, sich ihrer Verantwortung bewusst werden und das Leben nicht nur verwalten, sondern in seiner Vielfalt erfahren.
© Rosi / esistallesda.de I Zusammenfassung I Übersetzung
Siehe auch:


