Es ist Freitag, der 20. Februar 2026. Kurz vor fünf in der Früh sitze ich schon im Mimikama-Büro. Nicht, weil ich besonders motiviert bin, sondern weil ich am Handy im Bett gesehen habe, wie viele neue Anfragen wieder hereingekommen sind. Irgendwann lernt man: Wenn das Postfach nachts schon überläuft, wartet am Morgen nichts Harmloses.
Draußen schneit es. Und zwar nicht romantisch. Es schneit so, wie es in Wien schneit, wenn die Stadt kurz überlegt, ob sie den Betrieb einstellen soll. Große Flocken, dicht, lautlos, aber unerbittlich. Die Straßen sind noch fast leer. Ein Schneepflug zieht vorbei, schiebt Meter für Meter etwas beiseite, das unaufhaltsam nachkommt.
Im Büro ist es still. Zu still. Dieses frühe Morgenlicht, das eher grau ist als hell. Der Monitor leuchtet, bevor die Kaffeemaschine richtig warm ist. Das Summen des Rechners klingt lauter als sonst.
Noch bevor ich die Jacke ganz ausgezogen habe, öffne ich die erste Mail. Und da steht sie. Keine Satire. Kein Witz. Keine Ironie. Eine ernst gemeinte Frage, ob Babys wie Frischkäse schmecken.
Ich starre einen Moment auf den Bildschirm. Nicht, weil ich die Antwort nicht kenne. Sondern weil ich spüre, dass hier etwas kippt.
Man gewöhnt sich an vieles in diesem Beruf. An absurde Behauptungen, schlecht geschnittene Videos oder an empörte Kommentare. Aber es gibt Momente, in denen man merkt, dass sich nicht nur die Themen verändern, sondern der Rahmen selbst.
Draußen kämpft die Stadt mit Schnee. Drinnen kämpfe ich mit der Frage, wie wir hier gelandet sind.
Heute wollte ich eigentlich ganz „normale“ Dinge prüfen.
Die Behauptung, Jeffrey Epstein habe gesagt, Babys würden wie Frischkäse schmecken.
Neue Dokumente, die angeblich Kannibalismus belegen sollen.
Ein aus dem Zusammenhang gerissenes Wort wie „Jerky“, das plötzlich als Beweis für Ungeheuerliches herhalten muss.
Ein Video, in dem Donald Trump angeblich fragt, wann man Olympia-Verlierer „töten“ dürfe.
Die nächste Runde „Simpsons“-Geheimbotschaften.
Und natürlich neue E-Mails, die beweisen sollen, dass Epstein noch lebt.
Themen, die ich vor ein paar Jahren vermutlich nicht einmal ernsthaft gelesen hätte, stehen heute als konkrete Anfragen in meinem Postfach. Kein Smiley. Kein „Haha“. Nur die nüchterne Frage: Stimmt das?
Und genau da merke ich: Das ist kein Scherz mehr. Also öffne ich den Browser.
Mehrere Tabs, das Video pausiert, daneben ein Dokument mit Notizen, in dem sich bereits die ersten Stichworte sammeln. Die Anfrage ist sachlich formuliert, fast höflich – und gerade deshalb so irritierend: Ob dieses Material tatsächlich belege, dass Kinder in unterirdischen Tunneln gefangen gehalten werden. Ob in den Unterlagen rund um Jeffrey Epstein wirklich stehe, Babys schmeckten wie Frischkäse.
Man gewöhnt sich an vieles in diesem Beruf. Aber ich habe Mimikama gegründet, um Falschmeldungen zu klären. Nicht um mich mit der Frage zu beschäftigen, ob Babys wie Frischkäse schmecken.
Ich lese das und spüre etwas, das ich früher so nicht gespürt habe. Es ist nicht Empörung. Früher hätte ich vielleicht noch laut gelacht oder mich aufgeregt. Heute ist es etwas anderes. Eine Mischung aus Müdigkeit, Nachdenklichkeit und einem leisen Unbehagen, das sich nicht sofort benennen lässt. Ich weiß, dass die Behauptung nicht stimmt. Das werde ich belegen können. Kontext, Ursprung, Produktionsdatum, Einordnung – das ist mein Handwerk. Aber die eigentliche Frage sitzt tiefer: Wie ist es möglich geworden, dass solche Vorstellungen überhaupt ernsthaft geprüft werden müssen?
Ich beginne wie immer. Bildrückwärtssuche. Veröffentlichungsdatum. Wer hat es zuerst gepostet? In welchem Zusammenhang? Welche Kanäle greifen es auf? Welche bekannten Erzählmuster tauchen wieder auf? Ich kenne diese Wege. Meine Finger bewegen sich fast automatisch. Der Cursor springt von Tab zu Tab, als hätte er selbst gelernt, wo die Abzweigungen liegen. Manchmal frage ich mich, ob ich irgendwann eine eigene Schnellstart-Taste brauche für „Tunnel unter Städten“. Ein gespeichertes Lesezeichen für das nächste angebliche Weltgeheimnis.
Es ist Routine geworden. Fast mechanisch. Und genau das beunruhigt mich.
Ich lehne mich zurück. Der Stuhl knarzt. Neben der Tastatur steht eine Tasse, die längst kalt ist. Ich nehme einen Schluck und merke, dass es nicht mehr Kaffee ist, sondern nur noch lauwarme Funktion. Also stehe ich auf, drücke mir einen neuen runter. Ich glaube, es ist der siebte heute. Vielleicht auch der sechste. Irgendwann verliert man das Gefühl dafür. Der Kaffee ist nicht mehr Genuss, er ist Werkzeug. Wach bleiben. Ruhig bleiben. Nicht sarkastisch werden.
Während die Maschine brummt, vibriert das Handy auf dem Tisch. Eine neue Nachricht. „Schau dir DAS an!!!“ Drei Rufzeichen. Ein Link. Ich kenne diese Art von Nachricht. Kein Gruß, keine Einleitung. Nur Dringlichkeit. Ich öffne sie später. Erst das Video, denke ich. Erst die Quelle. Man muss sich eine Reihenfolge bewahren, sonst frisst einen die Timeline.
Zurück am Schreibtisch scrolle ich weiter. Stoppe das Video. Spiele es noch einmal ab. Achte auf Details im Hintergrund. Ein Schild. Eine Reflexion. Ein Logo. Ich notiere mir einen Namen, öffne ein neues Fenster, suche weiter. Es ist ruhig im Raum. Nur das leise Summen des Rechners, das Klicken der Maus, das kurze Aufblitzen neuer Tabs.
Irgendwann stehe ich auf, gehe zum Fenster. Draußen fährt die Straßenbahn vorbei. Menschen gehen mit Einkaufstaschen Richtung Bäckerei. Ein Lieferant lädt Kisten aus. Wien funktioniert. Alles wirkt normal. Keine Tunnel. Keine geheimen Rettungsaktionen. Kein apokalyptischer Untergrund. Nur ein ganz gewöhnlicher Vormittag. Draußen riecht es nach frischen Semmeln vom Bäcker und kalter Luft.
Und online sprechen Menschen von Tunneln unter genau dieser Stadt.
Ich bleibe einen Moment stehen und versuche, diese beiden Wirklichkeiten zusammenzubringen. Die da draußen und die im Bildschirm, in der alles dunkler, dramatischer, endgültiger wirkt. Es passt nicht zusammen. Und doch existiert es parallel.
Zurück am Tisch blinkt ein weiteres Fenster auf. Ein Kommentar unter einem unserer letzten Faktenchecks. „Ihr deckt das alles. Wartet nur ab, irgendwann kommt alles raus.“ Kein Schimpfwort. Keine Beleidigung. Nur dieser feste Glaube. Ich lese ihn zweimal. Nicht wütend. Eher ruhig. Fast überzeugt. Und ich merke, wie schwer es geworden ist, gegen Überzeugungen zu argumentieren, die sich nicht mehr für Belege interessieren.
Ich beginne wieder mit der Recherche. Bildrückwärtssuche. Veröffentlichungsdatum. Ursprungsquelle. Der Ablauf sitzt. Ich finde den Drehort. Ein öffentliches Event. Eine Inszenierung, sauber dokumentiert. Kein Geheimnis. Kein Tunnel. Kein Beweis.
Und trotzdem weiß ich, noch bevor ich die Quellen sortiert habe, dass diese Information nicht für alle reichen wird.
Früher hätte ich bei solchen Behauptungen laut „Geh bitte“ gesagt und weitergescrollt. Heute öffne ich die nächste Quelle. Nicht aus Faszination. Eher aus einem Gefühl von Verantwortung. Und vielleicht auch aus Trotz. Weil ich mir nicht angewöhnen will, Dinge einfach stehen zu lassen, nur weil sie absurd klingen.
Ich denke zurück an die Zeit, als wir uns mit anderen Falschmeldungen beschäftigt haben. Mit Fake-Gewinnspielen und dilettantisch kopierten Logos. Mit angeblichen iPhone-Verlosungen. Mit dem WhatsApp-Gerücht „MARTINELLI“, das angeblich jedes Smartphone zerstören sollte. Mit der HIV-verseuchten Nadel in der Zapfpistole oder in Kinositzen. Mit infizierten Bananen. Mit „Strawberry Quick“, dieser erfundenen Erdbeer-Droge. Mit Geschichten vom Maler an der Tankstelle oder Facebook-Hackern, die unter fremdem Namen posten.
All das war falsch. Und es wurde geglaubt. Aber man konnte es prüfen. Man konnte zeigen, dass es keinen belegten Fall gab. Und viele akzeptierten das. Nicht alle – irgendein Cousin wusste es immer besser –, aber genug, um zu spüren: Wir standen noch auf demselben Boden.
Man stritt über Fakten, aber man stritt innerhalb eines Rahmens. Man ging davon aus, dass Belege etwas bedeuten. Dass man sich irren kann. Dass man nachjustieren darf. Das war möglich.
Während ich den nächsten Schluck Kaffee nehme – ich habe aufgehört zu zählen –, merke ich, dass mich weniger das Video beschäftigt als das Klima, in dem es plausibel wirkt.
Was passiert mit Menschen, wenn das Ungeheuerliche nicht mehr automatisch als überzogen gilt, sondern als denkbare Variante? Wenn man nicht mehr fragt: „Ist das belegt?“, sondern „Warum sollte es nicht so sein?“
Draußen fährt die nächste Straßenbahn vorbei. Hier drinnen läuft das Video noch einmal. Und ich sitze dazwischen.
Heute fühlt es sich anders an. Diese Geschichte ist kein einzelner Irrtum, den man aus der Welt schaffen kann. Sie fügt sich in ein großes Bild ein, in dem Institutionen nicht mehr irren, sondern angeblich lügen. In dem Gerichte nicht mehr urteilen, sondern decken. In den Medien nicht mehr berichten, sondern verschweigen. Wenn man dieses Bild einmal übernimmt, dann passt jede Widerlegung automatisch hinein. Dann wird jede Quelle verdächtig. Dann gibt es keinen Punkt mehr, an dem man gemeinsam sagen kann: Hier endet es.
Über Jahre hinweg ist Vertrauen kleiner geworden. Nicht mit einem großen Knall, sondern schrittweise. Flüchtlingskrise. Corona. Krieg. Jede Phase hat Unsicherheiten hinterlassen. Politische Fehler, widersprüchliche Kommunikation, wissenschaftliche Korrekturen – all das gehört zu einer offenen Gesellschaft. Aber es wurde von manchen nicht als Zeichen eines lernenden Systems gesehen, sondern als Beweis für Täuschung. Aus berechtigter Kritik wurde bei manchen ein grundsätzlicher Verdacht.
Wenn man lange genug hört, dass „die da oben“ lügen, dann wirkt irgendwann alles möglich.
Dann erscheint die Vorstellung eines umfassenden, dunklen Plans nicht mehr als Fantasie, sondern als Erklärung. Der Schritt vom Misstrauen zur totalen Anklage ist kleiner, als man denkt. Und irgendwann klingt auch das Ungeheuerliche nicht mehr völlig absurd, sondern nur noch wie die nächste logische Konsequenz.
Mich beunruhigt weniger die konkrete Behauptung als die Bereitschaft, sie für realistisch zu halten. Man kann über Horoskope schmunzeln. Man kann über Globuli streiten. Aber diese Dinge erklären nicht die gesamte Gesellschaft zur Lüge. Die Erzählung von Kinderfresser-Eliten tut genau das. Sie stellt alles infrage. Sie sagt: Nichts ist verlässlich. Niemand ist glaubwürdig.
Wenn ich dasselbe Bild sehe wie jene, die es mir schicken, sehe ich Produktionsdaten, Veranstaltungsprogramme, Filmcredits, nachvollziehbare Kontexte. Andere sehen darin den Beweis für ein verborgenes Böses. Wir schauen auf dasselbe Material, aber wir ordnen es unterschiedlich ein. Es ist kein Problem des Informationszugangs. Es ist ein Vertrauensproblem.
Ich frage mich manchmal, wann ich aufgehört habe, sofort die Augen zu verdrehen.
Wann ich begonnen habe, solche Geschichten nüchtern zu prüfen, statt sie instinktiv zurückzuweisen. Vielleicht ist das Professionalität. Vielleicht ist es auch Gewöhnung. Und genau diese Gewöhnung macht mir mehr Angst als das Video selbst.
Denn wenn das Undenkbare nicht mehr reflexhaft als undenkbar gilt, sondern als mögliche Option, dann verändert sich etwas Grundlegendes. Dann wird der gemeinsame Boden, auf dem wir diskutieren, dünner.
Manchmal frage ich mich, wie ich das Jugendlichen erklären soll. Oder ob sie irgendwann gar nicht mehr verstehen werden, warum wir so hartnäckig auf Belege bestehen.
Ich weiß, dass ich mit einem Faktencheck nicht jedes Weltbild verändern werde. Ich weiß, dass manche meine Einordnung als Teil des Systems lesen werden. Und trotzdem sitze ich hier und recherchiere weiter. Nicht, weil ich Lust auf das nächste Tunnel-Video habe. Sondern weil ich mich weigere, diese Verschiebung als normal zu akzeptieren.
Es geht nicht nur darum, ob eine Behauptung stimmt. Es geht darum, ob wir noch akzeptieren wollen, dass Belege zählen. Dass Kontext zählt. Dass nicht jede dunkle Geschichte automatisch wahrer wird, nur weil sie sich gut in ein bestehendes Misstrauen einfügt.
Vielleicht ist das trotzig. Vielleicht auch ein wenig österreichisch stur. Aber wenn wir aufhören zu prüfen, weil es anstrengend ist oder weil man sich fragt, wie absurd das alles noch werden soll, dann bleibt nur noch das Lauteste. Und das Lauteste war selten das Vernünftigste.
Und deshalb klappe ich den Browser wieder auf.
Damit wir wenigstens noch versuchen, bei derselben Wirklichkeit zu bleiben.
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Mimikama Faktencheck ist eine österreichische Faktencheck Organisation, die sich mit der Prüfung von Meldungen, Gerüchten und Desinformation im Internet beschäftigt.
Kurz erklärt:
🧭 Was ist Mimikama?
Mimikama ist ein Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch, gegründet 2011. Die Organisation überprüft Behauptungen, deckt Falschmeldungen auf und erklärt Hintergründe verständlich, damit Menschen Informationen besser einordnen können.
🔎 Was machen sie konkret?
- Faktenchecks zu viralen Meldungen und Social Media Beiträgen
- Aufklärung über Internetbetrug und Manipulation
- Einordnung von Gerüchten und Fake News
- Förderung von Medienkompetenz (also: lernen, kritisch mit Informationen umzugehen)
🌍 Wo arbeiten sie?
Ihr Schwerpunkt liegt auf sozialen Plattformen wie Facebook, X, Telegram, TikTok oder WhatsApp, weil sich dort viele Falschinformationen schnell verbreiten.
👥 Wer steckt dahinter?
Mimikama ist ein Verein mit Redaktionsteam und Rechercheurinnen und Rechercheuren. Bekannte Namen sind zum Beispiel Tom Wannenmacher (Gründer) und Andre Wolf (Pressesprecher).
🧩 Wie arbeiten sie?
Sie bezeichnen sich als unabhängig und spendenfinanziert und ordnen Faktenchecks in Kategorien wie wahr, vorsicht oder falsch ein.