Schließ für einen Moment die Augen.
Was ist da?
Dunkelheit?
Vielleicht.
Aber während deine Augen nichts von deiner Umgebung aufnehmen, kannst du ein Gesicht vor dir sehen, das seit Jahren nicht mehr vor dir stand.
Du kannst durch ein Haus gehen, das längst abgerissen wurde.
Du kannst dich an einen Augenblick erinnern, den niemand fotografiert hat.
Du kannst dir eine Welt vorstellen, die noch nie jemand betreten hat.
Deine Augen sehen sie nicht.
Und trotzdem sind diese Bilder Teil deiner Erfahrung.
Vielleicht ist Sehen nicht dasselbe wie Wahrnehmen.
Wir verlassen uns erstaunlich stark auf das, was unsere Sinne uns zugänglich machen.
Was wir sehen, nennen wir wirklich.
Was wir nicht sehen, nennen wir unsichtbar.
Und was sich unserer Wahrnehmung vollständig entzieht, behandeln wir manchmal, als wäre es nicht vorhanden.
Dabei ist unsere Wahrnehmung kein vollständiges Abbild der Welt.
Sie ist eine Auswahl.
Deine Augen erfassen nur einen kleinen Teil des elektromagnetischen Spektrums.
Dein Gehör nimmt nur einen begrenzten Frequenzbereich wahr.
Und selbst von dem, was deine Sinne aufnehmen, gelangt längst nicht alles in dein bewusstes Erleben.
Du lebst in einer Wirklichkeit, von der du immer nur einen Ausschnitt erfährst.
Das Merkwürdige daran?
Dieser Ausschnitt fühlt sich selten wie ein Ausschnitt an.
Er fühlt sich vollständig an.
Du gehst durch einen Raum und glaubst, ihn gesehen zu haben.
Dabei könntest du kaum jedes Detail beschreiben.
Du begegnest einem Menschen und glaubst, ihn zu kennen.
Dabei kennst du nur das, was er zeigt, was du bemerkst und was du daraus schließt.
Du betrachtest die Welt und hältst deine Wahrnehmung für selbstverständlich.
Dabei könnte ein anderes Lebewesen am selben Ort eine völlig andere Sinneswelt erleben.
Die Welt verändert sich nicht erst dann, wenn du mehr von ihr wahrnehmen kannst.
Nur dein Zugang zu ihr verändert sich.
Und vielleicht beginnt hier eine der unbequemsten Fragen überhaupt.
Wie oft verwechseln wir die Grenzen unserer Wahrnehmung mit den Grenzen der Wirklichkeit?
Wie oft wird aus einem ehrlichen „Ich kann es nicht erkennen“ ein endgültiges „Da ist nichts“?
Natürlich ist nicht alles vorhanden, nur weil wir es uns vorstellen können.
Nicht jede Vermutung ist eine Entdeckung.
Nicht jede Möglichkeit eine Tatsache.
Aber auch das Gegenteil verdient Aufmerksamkeit:
Deine Unfähigkeit, etwas wahrzunehmen, ist noch kein Beweis für seine Abwesenheit.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb nicht darin, immer mehr zu sehen.
Sondern darin, unterscheiden zu lernen zwischen dem, was du weißt, dem, was du vermutest, und dem, wofür dir schlicht die Wahrnehmung fehlt.
Denn manchmal ist „nichts“ keine Beschreibung der Wirklichkeit.
Sondern nur der Name, den wir einer Lücke in unserem Wissen geben.
Und damit kehren wir zur ersten Frage zurück.
Wenn du nichts siehst, woher weißt du dann, dass es nichts ist?


