Wie der Holunder auf die Erde kam. Adelheid Brunner

Es war einmal eine alte Frau. Sie war unendlich weise und unendlich liebevoll. Sie liebte alle Menschen, alle Tiere, alle Pflanzen und alle Steine. Sie kannte die Elfen und die Feen und redete mit den Baumgeistern, den Wasserwesen, den Luftsylphen und den Feuergeistern.

Sie kannte die Drachen und Einhörner und wusste ĂŒber alle Geheimnisse unserer Welt Bescheid. Sie konnte sogar das Wetter verĂ€ndern und Regen herbeizaubern, wenn es zu trocken war. Sie wusste ĂŒber einen Zauber, um die Sonne wieder scheinen lassen, wenn es zulange nass und kalt war. Sie hĂŒtete das Wissen darĂŒber, dass es fĂŒr jede Krankheit ein bestimmtes Kraut gibt und konnte Menschen damit heilen.

Sie war da, wenn eine Frau ein Kind auf die Welt brachte und sie war auch da, wenn jemand aus der Familie gestorben ist. Immer half sie den Menschen.

DafĂŒr wanderte sie von Ort zu Ort, half einmal hier und einmal dort. Die Menschen achteten sie, verehrten sie und luden sie immer wieder ein, damit sie mit ihrer liebevollen, heilenden und helfenden Art zur Seite stehen konnte. Die alte Frau hatte jeden Tag viel zu tun und bald einmal geschah es, dass die Menschen auf der Erde immer mehr wurden und sie nicht mehr allen helfen konnte. Noch dazu wurde sie immer Ă€lter und schwĂ€cher und erkannte, dass sie wohl bald einmal selbst sterben musste.

Da sie spĂŒrte, dass sie nicht mehr lange Zeit hat, ging sie in den Wald zur alten Eiche. Diese wusste alles und konnte das ganze Leben lang ihre Fragen beantworten. So bat sie darum, einen Weg zu finden, wie sie auch nach ihrem Tod den Menschen noch weiter helfen könne. MĂŒde von den guten Taten des Tages schlief sie unter der Eiche ein.

Sie trÀumte einen wunderschönen Traum. In diesem Traum erschien ihr eine Pflanze, die ihr völlig unbekannt war. Obwohl sie seit sie ein kleines Kind war alle Pflanzen des Waldes kenne lernen durfte, hatte sie diese eine besondere Pflanze noch nie zuvor gesehen.

Es war ein wunderschöner Strauch, der mit zahlreichen, weißen, betörend duftender BlĂŒten ĂŒbersĂ€ht war.

Im Traum kam es ihr fast so vor, als ob es ein Strauch wĂ€re auf dem viele kleine Engel sitzen wĂŒrden, welche alles rund um den Strauch beschĂŒtzen und verzaubern wĂŒrden. Sie roch an den BlĂŒten und wusste sofort, dass diese den Menschen ganz viel Heilung schenken wĂŒrden.

In ihrem Traum wurde es Herbst. Aus den zart duftenden BlĂŒten sind dunkle, fast schwarze Beeren hervor gegangen. Sie machte einen Saft aus ihnen, der so rot wie Blut war. Wiederum wusste sie, dass dieser Saft den Menschen unendliche Kraft verleihen könnte. Sie trĂ€umte und trĂ€umte und der Strauch verriet ihr im Traum, dass er all das könne, was auch sie konnte und dass er nach ihrem Tod ihre Aufgabe ĂŒbernehmen wĂŒrde und fĂŒr alle Menschen da sein wĂŒrde.

Er bot ihr an, dass sie von nun an immer in ihm wohnen dĂŒrfe. Es öffnete seine Rinde und es tat sich ein wunderschönes, verzaubertes Reich auf.

Die alte Frau wusste , dass dies von nun ab ihre neue Heimat war und freute sich sehr auf den Frieden und die Ruhe, welche sie nach ihrem langen Leben dort finden wĂŒrde. Noch in derselben Nacht starb die alte Frau.

Doch wir alle wissen , sie war nicht wirklich tot. Sie lebte in dem Strauch weiter, von dem sie getrÀumt hatte.

Den Strauch nannte man ab sofort Holunder und er verbreitete sich ganz rasch ĂŒber die gesamte Erde. Überall, wo Menschen wohnten begann auch der Holunder zu wachsen. Am Liebsten wuchs er gleich bei der Hausmauer, denn er liebte die Menschen ebenso, wie es frĂŒher die alte Frau tat. Er beschenkte die Menschen mit seinen heilsamen BlĂŒten und Beeren und er konnte fast jede Krankheit heilen. Er half, wenn eine Frau ein Kind bekam und er wurde auch gerufen, wenn jemand starb. Er beschĂŒtze alle Bewohner und war immer da, wenn jemand Hilfe benötigte. Das Wichtigste war aber, dass er alle Menschen unendlich liebte und ihnen jeden Tag diese Liebe auch schenkte.

Du wirst es spĂŒren, wenn du am Holunder vorbei gehst, denn in ihm wohnt die gute alte weise Frau und sie freut sich, wenn du dich an sie erinnerst.

GrĂŒĂŸe sie und erfreue dich an ihr. Sie ist die gute, alte Göttin der Erde, die immer fĂŒr ihre Kinder da war und auch in Zukunft immer fĂŒr ihre Kinder da sein wird. Jetzt lebt sie im Holunder und ihre Freude ist unendlich groß, wenn wir uns an sie erinnern.

(copyright – Heidi Brunner 2015)

Originalbeitrag: https://www.facebook.com/brunner.adelheid