Es gibt einen Punkt auf unserem Weg, an dem wir erkennen dürfen, dass Opfersein weit mehr bedeutet, als sich als Opfer eines anderen Menschen oder einer vergangenen Erfahrung zu betrachten. Wir können uns ebenso zum Opfer des Außen machen, indem wir unsere innere Führung an äußere Umstände abgeben. Wenn wir ständig abwarten, was geschieht, hoffen, dass andere eine Entscheidung für uns treffen, denken „das wird schon irgendwie“, obwohl unser Innerstes längst eine klare Richtung kennt, überlassen wir dem Außen die Führung über unser eigenes Leben. Und dabei geben wir nicht nur unsere Schöpferkraft nach außen. Wir verlassen uns selbst.
Sich selbst zu verlassen geschieht häufig in ganz unscheinbaren Momenten. Immer dann, wenn du im Außen Ja sagst, während dein Innerstes längst Nein ruft, verlässt du dich selbst. Wenn jemand etwas sagt oder tut und du ganz klar fühlst, dass es für dich nicht stimmig ist, du aber nichts dazu sagst, obwohl deine Wahrheit längst da ist, verlässt du dich selbst. Wenn du dich kleiner machst, damit jemand anderes sich mit dir wohlfühlt, wenn du deine Wahrheit zurückhältst, um keinen Konflikt auszulösen, wenn du dich anpasst, obwohl dein Innerstes etwas vollkommen anderes sagt, oder wenn du darauf wartest, dass ein anderer Mensch erkennt, was du brauchst, anstatt selbst dafür einzustehen, stellst du das Außen über deine eigene innere Wahrheit.
Und genau hier beginnt eine sehr tiefe Form von Selbstermächtigung. Nicht darin, gegen das Außen zu kämpfen, sich vor ihm schützen oder sich ständig verteidigen zu müssen, sondern darin, sich selbst nicht mehr zu verlassen. Du darfst so tief in dir selbst stehen, dass du erkennst: Ich bin nicht schutzlos. Ich bin meine Präsenz. Ich bin meine Klarheit. Ich bin mein Raum. Eine klare Grenze entsteht dann nicht aus Angst vor dem Außen, sondern aus deiner Verbundenheit mit dir selbst. Dein Nein muss niemanden bekämpfen. Es darf einfach ein Nein sein.
Selbstermächtigung bedeutet: Ich bleibe bei mir. Ich höre mich. Ich nehme mein Nein genauso ernst wie mein Ja. Wenn etwas meinem Innersten nicht entspricht, erkenne ich es an und handle danach. Ich muss nicht warten, bis jemand anderes meine Grenze versteht oder akzeptiert. Ich muss meine Wahrheit nicht rechtfertigen, damit sie gültig wird. Meine Wahrheit darf in mir gültig sein, bevor irgendein Mensch im Außen sie bestätigt.
Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich sage: „Mal sehen, was passiert. Vielleicht verändert sich etwas. Vielleicht wird es irgendwann von alleine anders.“ Oder ob ich in mir klar werde und sage: „Ich habe entschieden.“ Eine wahrhaftige Entscheidung trägt eine enorme Schöpferkraft. Nicht, weil wir dadurch andere Menschen kontrollieren oder der Schöpfung vorschreiben könnten, wie etwas geschehen muss, sondern weil wir unsere eigene Position verändern. Wir hören auf, ausschließlich auf das Außen zu reagieren, und beginnen wieder, aus unserem Innersten heraus zu wählen.
Selbstermächtigung ist deshalb etwas vollkommen anderes als Kontrolle. Kontrolle möchte festlegen: Es muss genau so geschehen, zu diesem Zeitpunkt, durch diesen Menschen und auf diesem Weg. Selbstermächtigung sagt: Ich kenne meine Entscheidung und lasse den Weg ihrer Entfaltung offen. Ich entscheide mich für Frieden, ohne festlegen zu müssen, durch welche Tür er zu mir kommt. Ich entscheide mich für Freiheit, ohne jeden einzelnen Schritt vorher kennen zu müssen. Ich entscheide mich für eine Veränderung, und dann bin ich auch bereit, mich selbst innerhalb dieser Veränderung zu bewegen.
Und genau an dieser Stelle begegnet uns noch etwas sehr Subtiles. Manche Menschen wünschen sich Veränderung und spüren gleichzeitig, dass sich seit langer Zeit nichts Wesentliches bewegt. Dann kommt vielleicht der Satz: „Das ist eben gerade mein Weg. Das soll wohl so sein. Alles geschieht genau richtig.“ Und ja, jeder Weg darf sein. Jede Erfahrung kann ihren Platz haben. Es gibt Phasen des Innehaltens, Wiederholungen und Erfahrungen, die wir offenbar mehr als einmal durchlaufen. Doch auch eine spirituelle Wahrheit kann irgendwann dazu benutzt werden, nicht mehr hinsehen zu müssen.
Wenn du Jahr für Jahr dieselben Kreise ziehst, dieselben Beziehungen in anderer Verpackung erlebst, immer wieder an denselben Punkten deine Wahrheit verlässt, dieselben Grenzen nicht aussprichst, dieselben Entscheidungen vertagst und gleichzeitig sagst: „Das ist eben mein Weg“, dann darfst du dich irgendwann fragen: Ist das wirklich Hingabe an meinen Weg, oder benutze ich meinen Weg gerade als Begründung dafür, mich nicht bewegen zu müssen? Denn auch Spiritualität kann zum Bypassing werden, wenn wir mit großen Wahrheiten das überdecken, was eigentlich gesehen werden möchte.
„Alles ist richtig“ bedeutet nicht: Ich muss alles endlos wiederholen. „Alles darf sein“ bedeutet nicht: Ich darf mich selbst dabei immer wieder verlassen. Und „das ist mein Weg“ bedeutet nicht automatisch: Ich darf auf diesem Weg niemals eine neue Entscheidung treffen. Vielleicht war genau diese Dauerschleife ein Teil deines Weges. Aber vielleicht besteht der nächste Teil deines Weges darin, sie zu erkennen und zu verlassen.
Denn manchmal ist es leichter zu sagen: „Meine Seele hat das so gewählt“, als zuzugeben: „Ich habe Angst vor der Veränderung.“ Manchmal ist es leichter zu sagen: „Das Universum wird mir zeigen, wann es so weit ist“, als selbst eine Entscheidung zu treffen. Und manchmal ist es leichter zu sagen: „Alles geschieht zu seiner Zeit“, als sich ehrlich zu fragen, ob wir seit Jahren auf einen Zeitpunkt warten, für den wir selbst niemals eine Tür öffnen.
Selbstermächtigung bedeutet deshalb auch, radikal wahrhaftig mit sich selbst zu werden. Nicht sich zu verurteilen. Nicht sich dafür schlechtzumachen, dass man vielleicht jahrelang dieselben Kreise gezogen hat. Sondern hinzusehen: Was wiederholt sich hier eigentlich? Wo sage ich immer wieder Ja, obwohl ich Nein fühle? Wo warte ich? Wo passe ich mich an? Wo erzähle ich mir eine Geschichte darüber, warum ich noch nicht handeln kann? Und wo weiß ich tief in mir längst, dass eine Entscheidung ansteht?
Auch aus einer höheren Sicht dürfen wir noch tiefer schauen. In der Schöpfung selbst existieren „Täter“ und „Opfer“ nicht als ursprüngliche Identitäten. Die Quelle bezeichnet sich nicht selbst als Täter oder Opfer. Die Quelle ist. Das bedeutet niemals, menschliches Leid oder Grenzüberschreitungen schönzureden. Menschen tragen Verantwortung für ihre Handlungen, und etwas, das geschehen ist, darf klar als nicht in Ordnung erkannt werden. Doch eine Erfahrung muss nicht zu einer ewigen Identität werden.
Etwas kann dir widerfahren sein, ohne dass „Opfer“ zu deiner Identität werden muss. Jemand kann etwas getan haben, das für dich nicht in Ordnung war, ohne dass dieser Mensch dadurch für immer bestimmen muss, wie dein weiteres Leben aussieht. Du kannst anerkennen, was gewesen ist, und gleichzeitig entscheiden: Bis hierhin hat diese Geschichte mich begleitet. Doch von hier an wähle ich neu.
Und diese Wahl beginnt oftmals nicht bei den großen Dingen, sondern mitten im Alltag. Sage ich Ja, obwohl ich Nein fühle? Schweige ich, obwohl meine Wahrheit gesprochen werden möchte? Passe ich mich an, obwohl ich mich dabei selbst verlasse? Bleibe ich in einer Situation und warte darauf, dass das Außen sie irgendwann für mich verändert? Drehe ich mich zum wiederholten Mal um dasselbe Thema und nenne es weiterhin meinen Weg? Oder halte ich irgendwann inne und frage mich: Was wähle ich wirklich?
Denn jedes Mal, wenn du dich selbst hörst und deiner inneren Wahrheit folgst, kommst du ein Stück tiefer zu dir zurück. Dein Innerstes erfährt: Wenn ich Nein fühle, nehme ich mein Nein ernst. Wenn etwas für mich nicht mehr stimmig ist, erlaube ich mir eine andere Wahl. Wenn meine Wahrheit gesprochen werden möchte, verlasse ich sie nicht länger, nur damit das Außen mit mir zufrieden ist. Wenn ich erkenne, dass ich mich im Kreis bewege, darf ich eine neue Richtung wählen.
Das ist keine Energie des Schutzes und keine Energie des Kampfes. Du musst keine Mauer um dich errichten und das Außen nicht zu deinem Feind erklären. Du bist deine Präsenz. Du bist dein Raum. Du bist deine Entscheidung. Je tiefer du in dir stehst, desto weniger musst du gegen etwas kämpfen. Dein Nein braucht keinen Kampf, um ein Nein zu sein. Deine Grenze braucht keine Angst, um eine Grenze zu sein. Und deine Entscheidung braucht keine Zustimmung von außen, um deine Entscheidung zu sein.
Vielleicht ist genau das Selbstermächtigung in ihrer reinsten Form. Nicht lauter zu werden als andere. Nicht gewinnen zu müssen. Nicht alles kontrollieren zu wollen. Sondern eine so tiefe Verbindung mit dir selbst einzugehen, dass du dich nicht mehr für das Außen verlässt und auch deine Spiritualität nicht mehr dazu benutzt, vor deiner eigenen Wahrheit auszuweichen.
Du musst nicht wissen, wie alles kommen wird. Du musst nicht jeden Weg kontrollieren. Und du musst nicht darauf warten, dass dir das Leben zuerst einen Beweis liefert, bevor du dich entscheiden darfst. Du darfst sagen: Ich wähle. Ich entscheide. Ich stehe zu mir. Ich höre mein Innerstes. Ich verlasse mich nicht länger, um irgendwo hineinzupassen. Und ich vertraue darauf, dass sich aus dieser Klarheit heraus der nächste Schritt zeigen darf.
Denn vielleicht ist der größte Schritt aus dem Opferdasein gar nicht der Kampf gegen einen vermeintlichen Täter oder gegen das Außen. Vielleicht ist es der Augenblick, in dem du aufhörst, dich selbst zu verlassen. Der Augenblick, in dem du erkennst, wo du wartest, wo du dich windest, wo du dich im Kreis bewegst und wo du längst weißt, dass du neu wählen möchtest.
Nicht: „Das ist eben mein Weg, also muss es für immer so bleiben.“
Sondern: „Auch die Entscheidung, meinen Weg zu verändern, darf mein Weg sein.“
Und vielleicht ist genau das die tiefste Form von Selbstermächtigung:
Nicht darauf zu warten, dass das Außen dir deine Macht zurückgibt, sondern dich daran zu erinnern, dass sie die ganze Zeit in dir war.
In Liebe,
Sandra Lumina
