25. Mai 2026 – nach einem Text von Cristen Writes
Gnade – einfach um der Gnade willen.
Nicht für gutes Karma.
Nicht, um sich Vorteile zu verschaffen.
Nicht einmal, um ein guter Mensch zu sein.
Sondern einfach deshalb, weil man irgendwann erkennt, dass sie möglich ist.
Weil man spürt, wie sie die Schwerkraft außer Kraft setzt,
wie sie einen aus Treibsand heraushebt,
von dem man nicht einmal wusste, dass man darin versinkt.
Dann denkt man nicht mehr lange nach.
Man fragt nicht, ob der andere es verdient hat.
Oder ob man selbst es verdient hat.
Oder ob die eigenen Grenzen dabei gewahrt bleiben.
Denn Gnade ist etwas völlig anderes als Gefallenwollen,
etwas anderes als Abhängigkeit,
etwas anderes als ständiges Geben und Nehmen.
Sie existiert einfach um ihrer selbst willen.
So wie das Staunen.
So wie die Liebe.
Wie jener Moment, in dem du innehältst und den Wolken nachschaust,
die aussehen wie auseinandergezogene Wattebäusche,
bis sie in ihrer Mitte aufreißen
und das tiefe Blau des Himmels darunter freigeben.
Oder wie jenes ehrfürchtige Herzklopfen,
wenn jemand mitten in einem Satz innehält
und dir plötzlich bewusst wird,
wie unendlich kostbar es ist, hier zu sein.
In einem Körper.
Mit Ohren, die hören können.
Und mit der Fähigkeit,
einem anderen Menschen zuzuhören,
während sich seine eigene, einzigartige Wirklichkeit
über etwas so Flüchtiges wie Schallwellen in die Welt ergießt.
Staunen – einfach um des Staunens willen.
Liebe – einfach um der Liebe willen.
Gnade – einfach um der Gnade willen.
All das nimmt die Masken und das Zögern fort.
Als hättest du nie gelernt,
deine Worte zurückzuhalten,
wenn diese drei einfachen Worte ausgesprochen werden wollen.
Als hättest du nie gezögert,
einen neuen Weg zu gehen,
einen Konflikt zu lösen,
oder einen Menschen in den Arm zu nehmen,
nur weil es vielleicht nicht funktionieren könnte.
Darum geht es letztlich.
Deshalb ist jeder Schritt auf dem Weg wertvoll.
Selbst wenn du zu den Menschen gehörst,
die lieber die Nebenstraßen nehmen,
sich ein paar Mal verlaufen
und erst dann herausfinden,
wohin sie eigentlich unterwegs sind.
Irgendwann erkennt man die Absurdität darin,
ständig auf einen Grund zu warten.
Auf eine Erlaubnis.
Auf eine Bestätigung.
Oder auf eine gute Bewertung.
Denn selbst diese Dinge existieren letztlich nur um ihrer selbst willen.
Warum also nicht endlich die Worte aussprechen,
die dir schon lange im Hals stecken?
Warum nicht aufhören, auf eine Pause zu warten,
und stattdessen etwas Neues wachsen lassen,
etwas Lebendiges,
etwas Bewegliches?
Warum überhaupt glauben,
dass alles einen besonderen Grund braucht?
Vielleicht genügt es einfach zu leben.
Leben – um des Lebens willen.
Staunen – um des Staunens willen.
Gnade – um der Gnade willen.
Und Liebe …
einfach um der Liebe willen.
© 2026 Cristen Writes
© Transkript / Zusammenfassung / Übersetzung / Rosi / esistallesda.de
Grafik: Setze dich jetzt ganz still
an einen schönen, wilden Ort
und lausche der Stille.
Und ich behaupte:
Auch das
ist ein Gedicht.
— Mary Oliver