Du bist NICHT der Spiegel für fremde Schmerzen. Layla Lumyniquey (Nachwort/Rosi)

Manchmal merkst du erst spät,

dass du angefangen hast,

dich kleiner zu machen.

Nicht laut.

Nicht dramatisch.

Einfach so.

Stück für Stück.

Im Traum saß ich auf einer Bank am Waldrand.

Vor mir schwebte ein kleines, warmes Licht.

Hinter den Bäumen standen Gestalten.

Sie sagten nichts.

Sie schauten nur.

Und ich spürte, wie etwas in mir automatisch reagieren wollte:

Lächeln.

Erklären.

Beruhigen.

Platz machen.

Als würde ich verantwortlich dafür sein,

dass niemand sich unwohl fühlt,

wenn er mich anschaut.

Doch das Licht vor mir wurde plötzlich heller.

Und eine Stimme, die nicht von außen kam, sagte:

**Du bist nicht der Spiegel,

in dem andere ihren Schmerz anschauen dürfen,

ohne selbst hinzusehen.**

Es gibt Menschen,

die unbewusst suchen,

wo sie ihre ungelösten Anteile ablegen können.

Wo jemand stillhält.

Wo jemand versteht.

Wo jemand aushält.

Und wenn du ein fühlendes, sehendes Herz hast,

kannst du leicht in diese Rolle rutschen.

Nicht weil du schwach bist.

Sondern weil du siehst.

Aber sehen heißt nicht tragen.

Verstehen heißt nicht auffangen.

Mitfühlen heißt nicht verschwinden.

Im Traum stand ich irgendwann auf.

Das Licht blieb bei mir.

Die Gestalten hinter den Bäumen blieben, wo sie waren.

Niemand rannte mir hinterher.

Niemand brach zusammen.

Es wurde einfach stiller.

Und in dieser Stille wurde etwas klar:

Du darfst präsent sein,

ohne dich zur Projektionsfläche zu machen.

Du darfst weich bleiben,

ohne durchlässig zu werden.

Du darfst lieben,

ohne dich aufzulösen.

Vielleicht ist das die leise Arbeit gerade:

Nicht mehr automatisch den Raum für fremde Schatten zu öffnen.

Nicht mehr zu glauben, dass dein Mitgefühl erst echt ist,

wenn du etwas von dir abgibst.

Dein Licht darf bei dir bleiben.

Auch wenn andere es sehen.

Auch wenn sie sich danach sehnen.

Auch wenn sie es berühren wollen.

Es gehört trotzdem dir.

Vielleicht brauchst du heute nur diesen Satz:

**Ich sehe dich.

Aber ich bin nicht dein Spiegel.

Ich halte meinen Raum.**

Lumyniquey

https://www.facebook.com/layla.lavin.5

Nachwort Rosi/esistallesda.de – Ich bin NICHT der Spiegel für den Mangel in einem/einer anderen … Ich muss einen Mangel nicht mit meiner Fülle ausgleichen

Layla schreibt heute … und wieder war bei diesem Text dieses unmittelbare:

Ja. Genau darum geht es gerade.

Vielleicht sogar noch viel mehr, als ich bisher selbst in Worte fassen konnte.

Denn bei meinem momentanen Rückzug geht es nicht nur um fehlende finanzielle Wertschätzung. Es geht nicht nur um Klickzahlen, Spenden oder darum, wie viele Stunden ich täglich in diesen Blog investiere.

Dahinter liegt für mich inzwischen eine viel grundsätzlichere Erkenntnis:

Ich möchte den Mangel anderer nicht länger durch ein Übermaß meiner eigenen Fülle ausgleichen.

Und mit „Fülle“ meine ich all das, was ich hier seit langer Zeit nahezu (Montag bis Montag, also 24/7) ununterbrochen zur Verfügung stelle:

Beiträge. Impulse. Übersetzungen. Wegweiser. Gedanken. Hinweise. Erklärungen. Trost. Orientierung. Energie. Zeit.

Immer noch etwas finden.
Noch etwas übersetzen.
Noch einen Beitrag einstellen.
Noch einen Hinweis geben.
Noch eine Mail beantworten.
Noch einmal erklären.
Noch einmal auffangen.

Weil irgendwo jemand vielleicht gerade genau diesen einen Text braucht.

Das klingt zunächst nach etwas Schönem. Und lange Zeit hat es sich für mich auch so angefühlt.

Doch Fülle hat eine Schattenseite, wenn sie dazu benutzt wird, permanent einen Mangel auszugleichen, der gar nicht der eigene ist.

Irgendwann entstand (bei mir) / entsteht eine merkwürdige Dynamik:

Je weniger zurückkommt, desto mehr gibt man.

Je weniger Resonanz man spürt, desto mehr versucht man, Resonanz zu erzeugen.

Je größer der Hunger im Außen erscheint, desto voller stellt man den Tisch.

Und irgendwann steht da ein reich gedeckter Tisch, an dem sich sehr viele selbstverständlich bedienen – während derjenige, der ihn Tag für Tag deckt, langsam merkt, dass er selbst hungrig geworden ist.

Genau diese Dynamik möchte ich für mich unterbrechen.

Nicht aus Strafe.

Nicht, um irgendjemandem etwas wegzunehmen.

Und auch nicht, weil ich plötzlich weniger zu geben hätte.

Sondern weil ich meine Fülle nicht länger dafür einsetzen möchte, einen Mangel im Außen unsichtbar zu machen.

Vielleicht habe ich mit meiner beinahe pausenlosen „Blogbestückung“ sogar viel zu lange verhindert, dass überhaupt eine Lücke entstehen konnte.

Kaum war eine Frage da, kam ein Wegweiser.
Kaum entstand Unsicherheit, kam der nächste Impuls.
Kaum wurde es still, hatte ich schon wieder etwas gefunden, das diese Stille füllte.

Aber vielleicht muss eine Lücke manchmal eine Lücke bleiben dürfen.

Vielleicht muss ein Mensch manchmal selbst suchen.

Selbst fühlen.

Selbst unterscheiden.

Selbst Verantwortung dafür übernehmen, womit er seinen inneren Raum füllt und was ihm etwas wert ist.

Und vielleicht ist es gar nicht meine Aufgabe, jeden freien Raum sofort mit etwas zu versorgen.

Das ist es, was mich an dem folgenden Text so berührt:

„Sehen heißt nicht tragen.
Verstehen heißt nicht auffangen.
Mitfühlen heißt nicht verschwinden.“

Ich würde für mich heute noch einen Satz hinzufügen:

Fülle besitzen heißt nicht, sie pausenlos ausschütten zu müssen.

Ich darf etwas wissen und es nicht sofort weitergeben.

Ich darf einen wertvollen Beitrag entdecken und ihn nicht sofort übersetzen, aufbereiten und bereitstellen.

Ich darf einen Wegweiser sehen – und darauf vertrauen, dass andere ihren Weg auch finden können, wenn ich ihn ihnen nicht in die Hand drücke.

Und vor allem darf ich aufhören zu glauben, dass ein entstandener Mangel automatisch mein Auftrag ist, ihn zu beseitigen.

Das ist für mich ungewohnt.

Vielleicht sogar schmerzhafter, als einfach weiterzumachen.

Denn mein Rückzug bedeutet nicht nur, weniger für andere zu tun. Er zwingt mich dazu, eine Rolle loszulassen, die längst zu einem Teil meines Selbstverständnisses geworden ist:

Diejenige zu sein, die findet.
Diejenige, die teilt.
Diejenige, die übersetzt.
Diejenige, die den nächsten Wegweiser aufstellt.
Diejenige, die dafür sorgt, dass der Strom niemals versiegt.

Aber vielleicht darf der Strom gerade einmal langsamer werden.

Vielleicht darf sogar sichtbar werden, was fehlt, wenn ich es nicht mehr auffülle.

Nicht als Lektion für andere.

Sondern als Erkenntnis für mich.

Denn meine Fülle verschwindet nicht, nur weil ich sie bei mir behalte.

Meine Großzügigkeit wird nicht kleiner, nur weil sie Grenzen bekommt.

Und mein Herz wird nicht härter, nur weil ich aufhöre, mich selbst darin zu übergehen.

Vielleicht bedeutet wahre Fülle eben auch:

Ich muss nicht alles geben, was ich geben könnte.

Und deshalb trifft mich der folgende Text gerade mitten ins Herz.

Ich sehe euch.

Ich sehe euren Hunger nach Orientierung, nach Hoffnung, nach Wegweisern und nach Worten, die manches ein wenig verständlicher machen.

Aber ich beginne gerade zu verstehen:

Ich muss diesen Hunger nicht durch meine eigene Überfülle stillen.

Ich darf meinen Raum halten.

Und meine Fülle darf – wenigstens für eine Weile – einfach einmal bei mir bleiben.