Des Kaisers neue Kleider … und unsere alten …
Was war das für ein Himmelstspektakel in letzter Zeit!
Sonnenfinsternis, Mondfinsternis, Tagundnachtgleiche …
Der Mond macht sich dünn, wird voll, verschwindet und kommt wieder.
Der Sommer räumt seinen Platz, der Herbst zieht ein.
Kurz gesagt: Alles zieht sich um.
Die Bäume sind darin wahre Meister.
Noch vor wenigen Wochen trugen sie sattes Grün. Nun greifen sie zu Gelb, Rostrot, Orange und Braun … als hätten sie beschlossen:
Wenn schon Abschied, dann wenigstens mit Stil.
Und wir?
Wir machen es genauso. Die Sandalen wandern nach hinten, die Jacken nach vorn. Leinen raus, Strick rein.
Und plötzlich begegnet man im Kleiderschrank einem Pullover, den man im vergangenen Frühjahr offenbar mit den Worten verabschiedet hat:
„Dich ziehe ich ganz bestimmt noch einmal an.“
Nun ja. Manches Versprechen hält eben nur bis zum nächsten Herbst. 😉
Die Natur kennt solche Skrupel nicht. Sie hält nichts fest, nur weil es gestern noch gepasst hat.
Vielleicht liegt darin eine kleine Sonntagsweisheit.
Denn nicht nur unsere Garderobe braucht von Zeit zu Zeit einen Wechsel. Auch wir tragen so manches mit uns herum: Gewohnheiten, Vorstellungen, Erwartungen – vielleicht auch Rollen, in die wir irgendwann einmal hineingeschlüpft sind.
Manche sitzen noch ausgezeichnet.
Andere zwicken längst.
Und wieder andere sind ein bisschen wie des Kaisers neue Kleider:
Wir tun so, als würden sie uns noch wunderbar stehen – obwohl wir tief drinnen längst wissen: Eigentlich passt das nicht mehr zu mir.
Der Herbst könnte uns deshalb ganz freundlich fragen:
Was steht mir noch?
Was darf in die hinterste Schublade?
Und was möchte ich neu anziehen – nicht am Körper, sondern fürs Leben?
Vielleicht etwas mehr Gelassenheit.
Eine Portion Neugier.
Ein wenig Mut.
Mehr Zeit füreinander.
Oder einfach die wunderbare Fähigkeit, nicht alles so furchtbar wichtig zu nehmen.
Sonne und Mond verändern ihr Gesicht.
Tag und Nacht finden für einen Augenblick ins Gleichgewicht.
Die Blätter wechseln ihre Farbe – und irgendwann lassen sie einfach los.
Und niemand sagt zum Baum:
„Also wirklich – letztes Jahr sahst du aber besser aus!“
Vielleicht dürfen auch wir uns verändern, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen.
Vielleicht müssen wir auch gar nicht immer etwas Neues werden.
Manchmal genügt es, etwas Altes abzulegen – und zu entdecken, was darunter längst da ist.
Denn es ist alles da.
In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Sonntag – und viel Freude beim herbstlichen Garderobenwechsel.
Im Kleiderschrank.
Und vielleicht auch ein kleines bisschen im Herzen. 🍁
Rosi / Es Ist Alles Da


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