Ist es euch auch schon aufgefallen?
Seit einiger Zeit werden Facebook, YouTube Shorts, Instagram und TikTok regelrecht überschwemmt von vertikalen Kurzfilmen – den sogenannten Short Dramas. Millionen Menschen schauen sie sich täglich an. Die Geschichten ähneln sich oft erstaunlich:
Ein attraktiver, reicher CEO. Eine junge Frau, die gedemütigt, unterschätzt oder schlecht behandelt wird. Machtspiele, Intrigen, Ohrfeigen, Erniedrigungen, Eifersucht und emotionale Abhängigkeiten – bis am Ende meist eine überraschende Wendung folgt.
[Ein Beispiel: „Der Mann, den ich heiraten sollte“: https://www.youtube.com/watch?v=VeHnIwuw5a0]
Auf den ersten Blick mag das wie harmlose Unterhaltung erscheinen. Doch irgendwann fragte ich mich: Warum erzählen plötzlich so viele dieser Kurzfilme dieselben Geschichten?
Fast zeitgleich sah ich ein Interview mit der deutsch-amerikanischen Finanzexpertin Sandra Navidi. Darin spricht sie über Entwicklungen in den USA, die ihr große Sorgen bereiten. Sie beschreibt ein gesellschaftliches Klima, in dem Frauenrechte zunehmend unter Druck geraten und frauenfeindliche Strömungen – unter anderem aus der sogenannten Incel- oder Manosphere-Szene* – immer mehr Einfluss gewinnen.
[Incel-Szene: Der Begriff Incel steht für „involuntary celibate“ (unfreiwillig enthaltsam). Gemeint sind Menschen – meist Männer -, die sich als unfähig erleben, romantische oder sexuelle Beziehungen einzugehen. Während viele lediglich unter Einsamkeit leiden, gibt es Teile der Incel-Szene, in denen Frauenfeindlichkeit, Resignation oder extremistische Ansichten verbreitet werden.
Manosphere-Szene: Die Manosphere (deutsch etwa: „Männer-Sphäre“) ist ein Sammelbegriff für verschiedene Online-Communities, die sich mit Männlichkeit, Beziehungen und Geschlechterrollen beschäftigen. Dazu gehören sehr unterschiedliche Gruppen – von harmlosen Selbsthilfe- und Dating-Foren bis hin zu Gemeinschaften, die antifeministische oder frauenfeindliche Positionen vertreten. Die Incel-Szene gilt als Teil der Manosphere.]
[Sandra Navidi und Wilhelm Zsolt: USA werden zur Hölle für Frauen: https://www.youtube.com/watch?v=C11g64vygdA]
Kurz zuvor war mir außerdem ein Video begegnet, in dem behauptet wurde, weltweit würden täglich zahllose Männer Videos konsumieren, die zeigen, wie (ihre eigenen) Frauen unter Drogen gesetzt, missbraucht und die Taten anschließend gefilmt werden. Die darin genannten Zahlen sind astronomisch, diese konnte ich bisher nicht überprüfen, weshalb ich sie hier nicht wiedergeben möchte. Dennoch ließ mich diese Behauptung nicht mehr los.
Denn unabhängig davon, wie hoch die tatsächlichen Zahlen sind, stellt sich für mich eine viel grundsätzlichere Frage:
Verändern Geschichten unser Menschenbild?
Wir wissen längst, dass Nachrichten unsere Wahrnehmung beeinflussen. Doch gilt das nicht ebenso für Unterhaltung?
Was geschieht, wenn wir Tag für Tag Geschichten sehen, in denen Macht fast ausschließlich über Dominanz ausgeübt wird? Wenn Frauen immer wieder erniedrigt, kontrolliert oder abhängig dargestellt werden? Wenn Beziehungen vor allem auf Angst, Besitzdenken oder Demütigung beruhen?
Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass hinter dieser Entwicklung eine gezielte Kampagne steckt. Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Vieles spricht vielmehr dafür, dass die Algorithmen genau jene Inhalte bevorzugen, die starke Emotionen auslösen und möglichst lange fesseln. Dramatische Konflikte, Machtspiele und extreme Gefühle sorgen für Klicks – und Klicks bedeuten Reichweite und Einnahmen.
Dennoch lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Geschichten formen unser Unterbewusstsein. Sie beeinflussen, was wir für normal halten, welche Rollenbilder wir übernehmen und wie wir Beziehungen, Erfolg oder Macht wahrnehmen. Je häufiger bestimmte Muster wiederholt werden, desto vertrauter erscheinen sie uns – oft, ohne dass wir es bewusst bemerken.
Vielleicht erleben wir gerade eine Zeit, in der nicht nur Nachrichten unsere Sicht auf die Welt prägen, sondern auch Millionen kleiner Geschichten, die täglich über unsere Bildschirme flimmern.
Deshalb möchte ich euch heute das Interview von Sandra Navidi ans Herz legen. Es beleuchtet gesellschaftliche Entwicklungen in den USA aus einer anderen Perspektive und regt dazu an, hinter die Schlagzeilen zu schauen.
Und vielleicht mögt ihr euch beim nächsten Reel oder Short Drama einmal selbst fragen:
Welches Menschenbild wird hier vermittelt?
Welche Vorstellung von Mann und Frau wird immer wieder erzählt?
Und was macht das – ganz unbemerkt – mit unserem Bewusstsein?