ANNALENA BAERBOCK: „Professorin Baerbock? Da setz` ich mich in die erste Reihe!“ Constantin Schreiber

Annalena Baerbock wird Professorin für „Global Leadership“ an der Columbia University in New York. Genauer gesagt übernimmt sie eine praxisorientierte Professur und wird zugleich Co Direktorin des „Master of Public Administration in Global Leadership“. (sipa.columbia.edu)

Ausgerechnet eine Politikerin, deren Karriere immer wieder von Kontroversen begleitet wurde, soll künftig ihre Erfahrungen aus Politik und internationaler Diplomatie an Führungskräfte weitergeben.

Vielleicht liegt genau darin die spannendste Frage: Was lässt sich von Annalena Baerbock über Führung lernen? Über Erfolge und Fehlentscheidungen, über öffentliche Kritik, politische Verantwortung und darüber, wie bemerkenswert ein Weg sein kann, der von einem internationalen Spitzenposten direkt zum nächsten führt?

„Sagen, was ist“ im nächsten Jahr auch live.

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Annalena Baerbock

Manchmal gibt es Nachrichten, bei denen man zunächst innehält und sich fragt, ob man wirklich richtig gelesen hat. Die Nachricht, dass Annalena Baerbock künftig an der Columbia University im Bereich „Global Leadership“ lehren wird, gehört für mich dazu.

Nicht unbedingt, weil eine ehemalige Außenministerin und Präsidentin der UN Generalversammlung nichts über internationale Politik und Führung zu erzählen hätte. Ganz im Gegenteil. Wer an G7 Treffen teilgenommen, internationale Krisen und diplomatische Konflikte aus nächster Nähe erlebt und auf höchster politischer Ebene Verantwortung getragen hat, verfügt zweifellos über Erfahrungen, die nur wenige Menschen sammeln können.

Und dennoch lässt mich diese Nachricht nachdenklich zurück.

Denn bei „Global Leadership“ geht es für mich um weit mehr als Ämter, Titel und internationale Erfahrung. Führung zeigt sich auch darin, wie ein Mensch mit eigenen Fehlern umgeht, wie selbstkritisch er auf seinen Weg zurückblicken kann und ob er bereit ist, aus schwierigen Erfahrungen sichtbar zu lernen.

Genau deshalb finde ich die Vorstellung einer solchen Lehrtätigkeit sogar ausgesprochen interessant.

Annalena Baerbocks politische Laufbahn war nicht frei von Kontroversen. Während ihres Bundestagswahlkampfs 2021 gab es Diskussionen um nachträgliche Korrekturen und Ergänzungen ihres Lebenslaufs. Auch ihr Buch löste eine öffentliche Debatte über übernommene Formulierungen und Quellen aus. Dabei ist Fairness wichtig: Es handelte sich nicht um eine wissenschaftliche Dissertation, und auch die damalige Kritik bedeutete nicht automatisch, dass jede beanstandete Passage eine Urheberrechtsverletzung darstellte.

Auch ihre Zeit als Außenministerin bot Anlass für Diskussionen. Gerade in der Diplomatie besitzt Sprache ein besonderes Gewicht. Worte können verbinden, aber sie können ebenso Missverständnisse auslösen und politische Reaktionen hervorrufen. Ein bekanntes Beispiel war ihre Äußerung 2023 im Europarat über den Krieg gegen Russland, die anschließend von der Bundesregierung eingeordnet werden musste. Gleichzeitig wurde sie von Politikern anderer Parteien gegen die Interpretation verteidigt, sie habe Deutschland damit zur Kriegspartei erklären wollen.

Und dann kam die UN Generalversammlung. Auch hier lohnt sich ein genauer Blick. Baerbock wurde Präsidentin der UN Generalversammlung für deren 80. Sitzungsperiode, ein bedeutendes, aber auf ein Jahr begrenztes Amt. Ihre Kandidatur sorgte bereits im Vorfeld für Diskussionen, weil Deutschland ursprünglich die erfahrene Diplomatin Helga Schmid vorgesehen hatte und die Bundesregierung diese Kandidatur später zugunsten Baerbocks änderte. Bei der anschließenden Wahl erhielt Baerbock allerdings eine deutliche Mehrheit der Stimmen.

Nun folgt die Columbia University.

Und vielleicht liegt gerade darin eine Chance.

Denn Menschen müssen nicht fehlerfrei sein, um anderen etwas über Führung vermitteln zu können. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Wirklich wertvoll wird Erfahrung dann, wenn jemand bereit ist, nicht nur von Erfolgen zu erzählen, sondern ebenso offen über Fehlentscheidungen, Zweifel, Kritik und persönliche Lernprozesse zu sprechen.

Genau diese Vorlesung würde mich interessieren.

Nicht eine Vorlesung darüber, welche Ämter jemand erreicht hat, sondern darüber, was diese Ämter mit einem Menschen gemacht haben.

Was würde Annalena Baerbock heute rückblickend auf ihren Kanzlerwahlkampf anders machen?

Wie betrachtet sie die damaligen Diskussionen um ihren Lebenslauf und ihr Buch?

Welche ihrer öffentlichen Äußerungen würde sie heute anders formulieren?

Welche Entscheidungen aus ihrer Zeit als Außenministerin sieht sie inzwischen mit anderen Augen?

Und vor allem: Welche eigenen Fehler bezeichnet sie selbst tatsächlich als Fehler?

Denn vielleicht beginnt genau dort echte Führung.

Nicht bei der nächsten großen Überschrift und nicht beim nächsten eindrucksvollen Titel, sondern bei der Fähigkeit zu sagen:

Das habe ich falsch gemacht. Daraus habe ich gelernt. Und heute würde ich anders handeln.

Eine praxisorientierte Professur soll gerade Menschen an eine Universität bringen, deren Wissen nicht ausschließlich aus einer wissenschaftlichen Laufbahn stammt, sondern aus ihrer beruflichen Erfahrung. Die Vorlage weist deshalb zu Recht darauf hin, dass eine solche Position grundsätzlich sehr wertvoll sein kann. Studierende können von Menschen lernen, die internationale Politik nicht nur aus Büchern kennen, sondern selbst erlebt und mitgestaltet haben.

Vielleicht liegt genau darin die spannendste Seite dieser ungewöhnlichen Personalie.

Führung bedeutet schließlich nicht, niemals zu scheitern. Sie bedeutet auch nicht, immer die richtigen Worte zu finden oder jede Entscheidung im Nachhinein verteidigen zu müssen.

Führung zeigt sich darin, Verantwortung zu übernehmen.

Sich selbst ehrlich betrachten zu können.

Kritik auszuhalten.

Aus Fehlern zu lernen.

Und trotz allem weiterzugehen, ohne so zu tun, als hätte es diese Fehler nie gegeben.

Wenn „Global Leadership“ auch davon handelt, könnte eine solche Vorlesung tatsächlich sehr interessant werden.

Denn am Ende lernen wir vielleicht am meisten von Menschen, die nicht nur erzählen können, was sie erreicht haben, sondern ebenso ehrlich darüber sprechen, was sie auf ihrem Weg gelernt haben.

Siehe auch die Kommentare unterhalb des Originalvideos.

© Rosi / esistallesda.de I Transkript / Zusammenfassung I Übersetzung