„Vielleicht wird dieser Mensch sich endlich verändern, wenn ich ihn nur noch mehr liebe.“
Als empathische und feinfühlige Seele kann es geschehen, dass meine Liebe irgendwann zu einem ständigen Geben wird. Ich sehe das verletzte innere Kind hinter einem schwierigen Verhalten. Ich erkenne den Schmerz hinter der Wut und die Angst hinter den Mauern, die ein Mensch um sich errichtet hat.
Weil ich so deutlich spüren kann, was ein anderer Mensch in sich trägt, beginne ich vielleicht zu glauben, dass genügend Geduld, Verständnis und bedingungslose Liebe ihn irgendwann erreichen und verändern werden.
Also gebe ich noch mehr.
Ich verzeihe noch einmal.
Ich erkläre mich noch ausführlicher.
Ich versuche noch verständnisvoller zu sein.
Und ich bleibe länger, als es mir eigentlich guttut.
Doch irgendwann darf ich erkennen, dass meine Liebe die Heilung eines anderen Menschen nicht für ihn übernehmen kann.
Ich kann jemanden aus tiefstem Herzen lieben und trotzdem nicht bewirken, dass dieser Mensch sich selbst ehrlich betrachtet. Ich kann ihn nicht dazu bringen, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen. Ich kann ihn nicht zwingen, sich seiner Verletzungen bewusst zu werden oder sich für Veränderung zu entscheiden.
Es kommt ein Moment, in dem meine Aufgabe nicht mehr darin besteht, den anderen noch stärker zu lieben.
Meine Aufgabe besteht dann darin, mich selbst genug zu lieben, um mich für einen anderen Menschen nicht länger zu verlassen.
Mein Mitgefühl verlangt nicht von mir, mich selbst zu opfern.
Nur weil ich die Wunden eines Menschen verstehen kann, bedeutet das nicht, dass ich mich weiterhin seinem verletzenden oder ungesunden Verhalten aussetzen muss. Ich darf verstehen, woher etwas kommt, und gleichzeitig erkennen, dass es mir nicht guttut.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Ich kann Mitgefühl für die Geschichte eines Menschen empfinden und dennoch eine Grenze setzen.
Ich kann seine Verletzungen sehen und trotzdem meine eigenen ernst nehmen.
Ich kann ihn lieben und dennoch gehen.
Manchmal ist genau das die liebevollste Entscheidung, die ich treffen kann. Ich gebe die Verantwortung für die Heilung des anderen dorthin zurück, wo sie hingehört. Zu ihm selbst.
Ich erlaube ihm, seinen eigenen Weg zu gehen, seine eigenen Erfahrungen zu machen und seine eigenen Entscheidungen zu treffen.
Und ich erlaube mir dasselbe.
Ich bin nicht dafür verantwortlich, einen anderen Menschen zu retten.
Ich muss die Kraft meiner Liebe nicht dadurch beweisen, dass ich immer mehr ertrage.
Ich muss mich nicht erschöpfen, um zu zeigen, wie tief ich lieben kann.
Und ich muss mich nicht selbst verlieren, damit ein anderer Mensch sich vielleicht irgendwann findet.
Wahre Liebe verlangt nicht von mir, kleiner zu werden.
Sie verlangt nicht, dass ich verschwinde.
Liebe darf mich öffnen, nähren und wachsen lassen. Sie darf mich tiefer zu mir selbst führen, anstatt mich immer weiter von mir zu entfernen.
Vielleicht besteht meine größte Lektion als empathische Seele deshalb nicht darin, noch mehr lieben zu lernen.
Vielleicht besteht sie darin, zu erkennen, dass auch ich ein Teil jener Liebe bin, die ich so großzügig an andere verschenke.
Auch ich verdiene mein Mitgefühl.
Auch ich verdiene meine Geduld.
Auch ich verdiene meinen Schutz.
Auch ich verdiene meine Liebe.
Und manchmal beginnt meine tiefste Heilung mit einem einzigen Satz:
Ich darf dich lieben, ohne mich für dich zu verlassen.
In Liebe, Licht und Bewusstheit.
28.08.2026
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